3 Tage aus 639 Jahren

Seit dem Jahr 2000 ist in Halberstadt das Stück  „ORGAN²/ASLSP (As Slow As Possible)“ von John Cage zu hören. Dort soll es auch noch weitere 625 Jahre zu hören sein (www.aslsp.org).

Aktuell erklingen in Halberstadt die 5 Töne des „Impuls 14“:

c1 (16‘), des1 (16‘), dis1‘, ais1, e2

Drei Tage lang (vom 24. bis 26. Oktober 2014) werden diese Töne auch in Waldkirchs Kulturkathedrale zu hören sein. Dabei wird der Klang in Waldkirch von baugleichen Pfeifen und mit demselben Winddruck wie in Halberstadt erzeugt. Dennoch wird sich dieser Klang von dem in Halberstadt deutlich unterscheiden. Dies liegt nicht nur daran, dass die Kulturkathedrale deutlich kleiner ist, als die Buchardikirche in Halberstadt und die beiden Räume akustisch sehr verschieden sind. Während in Halberstadt alle Töne von einer Stelle im Raum aus, von einer kleinen Orgel, erzeugt werden, wird in Waldkirch eine Idee Christoph Bosserts umgesetzt: Jede  Pfeife steht auf  einem eigenen Sockel und diese stehen entlang der Wände des Raumes. Eine zufällige Aufstellung war aus versicherungstechnischen  Gründen nicht machbar. Welche Pfeife auf welchem Sockel steht, wurde jedoch per Zufall mit dem Würfel entschieden.

Voraussichtliche Aufstellung der Pfeifen in der Kulturkathedrale Fabrik Sonntag

Durch diese Umgestaltung des Klangraumes können die Hörer sich durch den Raum und zwischen den einzelnen Pfeifen bewegen. Jeder kann seinen eigenen Klangraum suchen, erspüren, finden und immer wieder verändern. Er kann in Raum und Klang verweilen und stehend oder gehend die eigenen Klangwahrnehmungen ergründen, mit ihnen experimentieren und so den eigenen KlangZeitRaum gestalten. Der Hörer wird ein aktiver Bestandteil der Klanggestaltung.

Zur Vorgeschichte des Projektes:

Ich bin als Orgelbauer nach Halberstadt gekommen, mit dem Auftrag Vorplanungen für eine Orgel durchzuführen, auf der das gesamte Stück gespielt werden kann. Eine Orgel also, die in den nächsten 600 Jahren nichts anderes tut, als John Cages „ORGAN²/ASLSP“ erklingen zu lassen. Ein eher singulärer Auftrag für ein fraglos singuläres Projekt. Außerdem ging es – wie meist im Arbeitsleben – darum, diese Planungen „as quick as possible“ (!) durchzuführen.

Eine Orgel für ein einziges Stück zu planen, bedeutete zunächst einmal die übliche Herangehensweise auf den Kopf zu stellen: Üblicherweise werden heutzutage Orgeln so gebaut, dass sie ein möglichst umfassendes  Repertoire spielen können. Man orientiert sich am zur Verfügung stehenden Raum, den gewünschten Funktionen der Orgel, den finanziellen Ressourcen, den Vorgaben des Denkmalschutzes, den Wünschen der Organisten usw…

In Halberstadt war der Raum leer, die Kirche säkularisiert und die Vorgabe ein einziges Stück eines revolutionären, modernen Komponisten.

Es galt also zunächst das Stück und dessen musikalische Anforderungen sowie den Raum zu erkunden. Das Ausmessen des Kirchenraumes ist für mich neben der Bilder- und Literatursuche normalerweise eine der ersten Arbeiten. Ich begann also mit dem mir vertrauten Arbeitsschritt,  den Raum auf zumessen und zu analysieren. Dabei bewegte ich mich fast zwei Tage lang  nicht nur in diesem Raum, sondern auch in den Klängen des Stücks, die damals ertönten. Stehend, sitzend, kniend, um die Raummaße aufzunehmen, war ich gezwungen diesen andauernden Klang auszuhalten, nicht abzuweisen, ihn an mich heran kommen zu lassen und erlebte dabei den vermeintlich ‚stationären‘ Klang immer wieder anders.  Langsam wuchs die Faszination.

Ich war so weit mich nun mit John Cages Komposition auseinander zu setzen. Dabei ging es um recht technische Fragen (welche Töne/Pfeifen gebraucht werden, in welcher Zuordnung und Abfolge und in welchen Kombinationen sie erklingen sollen, wohin mit den Stummen, welche Materialien versprechen die gewünschte Dauerhaftigkeit usw.), aber auch darum eine – zumindest  vage – Gesamtvorstellung  von dem zu entwickeln, was sich dort in einem Zeitraum von 600 Jahren abspielen soll.

In zahlreichen Diskussionen mit den Trägern des Projektes der John-Cage-Orgel-Stiftung Halberstadt wurde immer deutlicher, dass es nicht einfach darum ging ein Instrument zu bauen, das John Cages Stück spielt, sondern dass dieses Instrument ein gestaltender Bestandteil des Projektes sein kann, dass die Bauweise der ‚Orgel‘ das Stück mit gestalten, verändern kann.

Christoph Bosserts Idee

Ob diese Idee, die meine Klangerfahrungen, die ich während der Arbeiten in Halberstadt machte, so gut aufgreift und umsetzt, in Halberstadt realisiert werden wird, ist bislang noch nicht entschieden.

Diese Idee in Waldkirch zu realisieren ist daher eine unerwartete und faszinierende Möglichkeit, die ich nicht einfach ‚vorübergehen‘ lassen wollte. Bot sie doch die Möglichkeit, meine Halberstädter Klangerfahrungen auch anderen Menschen zu ermöglichen und Christoph Bosserts Idee John Cages KlangZeitRaum dadurch umzugestalten, dass man die Pfeifen im Raum verteilt, nicht nur auf dem Papier, sondern „in echt“ – dreidimensional und klingend – zu erproben. Sie ist – das soll hier nicht unerwähnt bleiben, letztlich einem der vielen schönen Zufälle des Lebens zu verdanken:

Beim Kaffeetrinken erzählte ich Andrea Dittrich, einer Freundin aus Schultagen, vom John Cage Projekt „Organ ²/ As Slow As Possible“ in Halberstadt, von meinen Erfahrungen und Eindrücken während der Arbeit in diesem KlangZeitRaum und der Idee, der Orgel eine andere Form zu geben.

Sie fragte mich, ob ich diese Idee einer Klanginstallation nicht während der Waldkircher Kulturwochen zum Thema „Zeit“ in der Kulturkathedrale umzusetzen möchte.

Die Zeit war denkbar knapp, aber diese Idee hat mich nicht mehr losgelassen und mich daran zu machen, sie mit der Hilfe von vielen Freunden und Bekannten zu realisieren.

 

 

 

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